Tanjas Geschichte

Tanjas Geschichte

Mein Name ist Tanja, ich bin Betroffene von sexueller Gewalt. Ich habe mich nach Jahren erneut auf die Suche gemacht, um Austausch zu finden mit anderen Betroffenen und bin auf den Opferschutzverein aufmerksam geworden. Das war 2014. Da war alles ganz anders. Vorher war ich schon bei anderen Beratungsstellen gewesen, z. B. Wildwasser.

Ich komme aus einer destruktiven Familie. Ich bin mit 15 früh von Zuhause weggegangen, und ich habe das ganze Hilfesystem durch: Heimaufenthalte, betreutes Wohnen. Ich hatte eine Einzelfallhelferin, als ich meine erste Wohnung hatte. Das unterschied sich vom Opferhilfeverein. Dort wurde die Tür abgeschlossen, aber es wurde nichts gesagt, nichts erklärt, gar nichts. Das fand ich ein bisschen seltsam, mir war nicht ganz klar, wie läuft es hier ab. Es war ein anderes Miteinander als das, was ich von anderen Trägern kannte. Ich habe das erst einmal hingenommen und an der Selbsthilfegruppe des Vereins teilgenommen, und auch hier war alles anders. Es hat sich abgekapselt angefühlt, es war alles abgeschlossen. Wo auch immer ich vorher war, habe mich nie so abgekapselt gefühlt. Aber ich habe es nicht so ernst genommen. Ich habe mich abgeschlossen gefühlt von der Außenwelt. Aber immer mit den anderen zusammen, als ob wir nicht zum Rest der Welt gehören. Schon am Anfang.

Ich konnte damals schlecht auf meine Gefühle eingehen und habe es in den Hintergrund gedrängt. Es war ja nichts Schlimmes passiert, habe ich mir gedacht, die machen es hier halt so, Punkt, Aus, Ende. Was ich allerdings gut fand, war, dass man dort wirklich alles erzählen konnte.
Ich bin dann wegen einer neuen Beziehung nicht mehr hingegangen, ich war umgezogen und es war zu weit. Was mir aber aufgefallen ist, ich bin einige Male angerufen worden, und in den Telefonaten sind sie sehr schnell persönlich geworden. Eine Anruferin hat mir gesagt, sie sei ja bereits mit ihrem Missbrauch durch, „ich bin ja schon so viele Jahre dran“. Ich war völlig überfordert. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen soll? Ich dachte, es geht ja nicht um sie, was will sie eigentlich von mir?

Es waren anderthalb Jahre vergangen, ich wurde krank und dachte mir, ich habe ja jetzt Zeit, ich kann mich jetzt wieder mit dem Thema auseinandersetzen. Also habe ich mich da wieder gemeldet. Schon beim ersten Gespräch wurde mir nahegelegt, ich solle bei dem Opferhilfeverein die Heilpraktikerausbildung machen. Ich wollte mich nur mit anderen Betroffenen zum Thema „sexueller Missbrauch“ austauschen. Aber es wurde gleich versucht, mir einen teuren Kurs zu verkaufen, wir reden über, glaube ich, 11.000 Euro. Ich habe gedacht, ich habe doch gar nicht das Geld, wie kann sie es mir anbieten?

In bin trotzdem in die Selbsthilfegruppe gegangen und habe gemerkt, dass sie ganz viel über das Thema wissen. Ich dachte, ich würde gerne so über meinen sexuellen Missbrauch reden können, wie sie über ihren Missbrauch reden. Wie geht das? Was muss ich dafür erfassen? Was muss ich dafür tun? Ich habe sie das gefragt, und die Antwort bekommen, sie hätten Helfer gefunden. Ich habe keine Helfer gefunden, ich habe mein ganzes Leben keine Antwort gefunden. Nach einem halben Jahr wurde ich gefragt, ob ich mich nicht in den Probeunterricht setzen möchte? Das nannte sich tatsächlich „Missbrauchskurs“. Thematisch war es querbeet von Suizidalität über Selbstbefriedigung zu den ganzen Sexpraktiken und was man dagegen tun kann, 52 Themen insgesamt. Auch die Gefühle, Schuld und Scham. Oder: man isst zu viel. Oder: man isst zu wenig. All diese Themen, die das streifen. Wir waren sehr wenige Teilnehmer, anfangs vier, später sechs. Man muss sich das so vorstellen, die Kursleiterin kam rein, hat das Thema vorgestellt, fast immer mit einer persönlichen Geschichte: „Mein Vater…“ Man muss sich das so vorstellen, dass sie mitten im Unterricht ihre persönliche Geschichte reingehauen haben, „… und dann haben mich meine Täter verfolgt.“ Es wird sehr detailliert erzählt, was passiert ist, und erst einmal ist man geschockt.

Für mich war es das Richtige, ich wollte es ja auch. Ich hatte noch eine Therapie nebenbei, und es war genau das, was ich machen wollte. Das hat die Kursleiterin sehr schnell gemerkt und versucht, mich als Beispiel hinzustellen. Es hat sie genervt, dass die anderen nicht so recht aus den Pötten kamen, und sie hat versucht, über mich Druck auszuüben. Es gab immer die Kursleiterin, und dann gab es aber auch noch die „Anhängsel“, und man hatte immer das Gefühl, „ich bin hier nur Gast“. Der Kurs hat sich darin von der Selbsthilfegruppe unterschieden, dass es immer ein Thema gab. Der Kurs hat insgesamt, ich glaube, im Laufe von anderthalb Monaten über 5.000 Euro gekostet. Es gab kein kostenloses Angebot. Ich habe einfach gedacht, ich will weiterkommen, und ich hatte nur die Möglichkeit durch so einen Kurs. Ich wollte einfach nur gesundwerden.

Ich wollte über meinen Missbrauch Bescheid wissen und damit umgehen können, und ich wollte, ehrlich gesagt, damit abschließen können. Mein Leben leben, und dass ich mich viel besser verstehe. Das war mein Anliegen. In der Rückschau habe ich tatsächlich, das Gefühl, dass es mich weitergebracht hat, weil sie so viel Ahnung hatten. Ich habe mich immer mehr eingeschossen auf das Thema, und ich habe immer mehr nur mit solchen Leuten zu tun gehabt. Wir sind alle auch privat miteinander verbunden gewesen. Wir wurden auch immer angehalten, uns gegenseitig zu helfen, eine Gemeinschaft zu bilden. Das ist vom Opferhilfeverein auch forciert worden. Für mich war es ein neues Gebiet, und sie waren die Experten. Ich wollte dieses Wissen auch haben.
Aber es gab immer eine Barriere. Es gab uns und den Inner Circle, und wenn man gefragt hat, wurde gesagt, „wir können dazu nicht viel sagen.“ Aus Schutzgründen. Aus Schutzgründen! Vor dem Haus hätten ja Täter stehen können. Die hätten uns Kursteilnehmende oder Selbsthilfegruppenteilnehmende abfangen können, uns ausfragen, und wir wären nicht in der Lage gewesen, das abzuwehren. Dass wir Informationen weitergeben, die wir gar nicht bewusst hätten weitergeben wollen. Dass wir andere in Gefahr bringen. Wir waren nur Frauen. Für mich hat das insofern gepasst, dass, wenn man nichts weiß, auch nichts sagen kann. Ich wollte mich auch nicht weiter damit befassen. Ich dachte, die werden ihre Gründe haben. In der Folge blieb immer unklar, wie laufen hier eigentlich die Dinge ab, wie wird hier was gehandhabt? Fragen zum Personal waren unerwünscht, weil sie im „Schutz“ waren, so wurde das genannt. Es ist eine „Schutzgemeinschaft“. Man hat einen Raum, wo man mit seinen Kackthemen hinkommen kann, wo man wirklich alles erzählen kann. Dann trifft man andere, man hat also Gesellschaft. Man muss sich nicht verstellen, es geht nur um das Gemeinschaftliche. Dadurch bindet man sich emotional, und genau das ist gewollt. Am Anfang wird man sehr umsorgt und bekommt für alles Verständnis, aber das nimmt mit der Zeit ab.

Manche werden brutal geöffnet. Man kommt dahin, sagt, „ich bin missbraucht worden“. Einige können das kaum aussprechen, fangen gleich an zu weinen. Das viele Reden und das Verständnis, das man bekommt, das öffnet. Was aber hochkommt, haben viele in ihrem Leben noch nie auch nur ansatzweise bearbeitet, ihre Depressionen beispielsweise. Ich hatte meine Therapie und war es auch gewohnt, Dinge mit mir alleine auszumachen. Andere waren nicht so geübt, waren vielleicht auch alleine nicht so lebensfähig. Es hatte etwas Zwanghaftes, dass die Leute sich mit Themen auseinandersetzen müssen. Heute glaube ich, dass es mehr braucht, als einfach mal drüber reden, wenn ein Mensch so gefangen ist in seiner Depression oder in einer unglaublichen Passivität.
Einmal hatte ich wiederkehrende Albträume, dass ich von einem guten Bekannten von mir vergewaltig werde. Ich hatte ganz stark das Bedürfnis, mal aus Berlin rauszukommen. Der Verein hatte ein so genanntes „Schutzhaus“ weit außerhalb auf dem Land. Es war sehr isoliert, und es gab eine Art Museum, in dem mit Puppen alle Arten von sexuellem Missbrauch nachgestellt wurden. Ich habe gedacht, „egal“, wollte mich einfach einmal aus der Außenwelt zurückziehen und mich auf das Thema fokussieren. In Berlin hatte ich mich bedroht gefühlt von allen Seiten. Von meinem Ehemann, von meinem Täter, der um die Ecke gewohnt hat, von dem Bekannten, von dem ich geträumt hatte, dass er mich vergewaltigt. Ich dachte, ich muss einfach mal raus.
Da wollte ich hin, aber mir wurde gesagt, „wir haben etwas viel Besseres für sie! Sie bekommen eine eigene Wohnung, es gibt jemanden vor Ort und sie können sich dort frei bewegen.“ Im Tausch sollte ich einer anderen Frau meine eigene Wohnung in Berlin geben. Ich wurde unter Druck gesetzt, dass ich dann aber gleich fahren müsse. Mir wurde nahe gelegt, dass alle Bescheid wüssten, wenn ich nicht gleich fahren würde. Ich liefe Gefahr, dass mein Täter mich abfangen würde, hieß es. Mir wurde Angst gemacht vor meinem Ehemann, vor meinem tatsächlichen Täter und allen, wenn ich nicht sofort verschwinde. Ich solle es niemanden sagen. Hoch dramatisch. Und dann bin ich gefahren. In den Tagen davor wurde mir immer wieder gesagt, ich solle aufpassen, ich solle anrufen, wenn ich gehe oder komme. Auch habe ich immer wieder Anrufe bekommen, wie es mir gehe? Ob es mir gut gehe? Sie wollten mir das Gefühl geben, dass ich jetzt dazu gehöre; dass sie sich um mich kümmern.

Ich bin nachts angekommen in einem Haus in der Pfalz. Es gehörte einer Heilpraktikerin. Anfangs hat sie versucht, auf mich zuzugehen, aber die Chemie zwischen uns hat nicht gestimmt. Dann wurde mir sehr schnell gesagt, dass sie für Gespräche Geld haben will. Als ich ihr sagte, ich habe kein Geld, hat sie sich erst einmal beklagt, dass zu ihr immer nur die Leute kommen, die kein Geld haben. Das Ende vom Lied war, dass ich für die Beratungsgespräche putzen musste. Ich habe außerdem Miete gezahlt. Ein Behandlungskonzept oder so etwas hat es auch nicht gegeben. Meine Vermieterin war mein einziger Ansprechpartner vor Ort, professionelle Gespräche gab es einmal die Woche. Ansonsten war ich mit mir alleine. Das war mein „Schutz“.

Kurz nachdem ich in den „Schutz“ gegangen bin, hat sich der Ton geändert. Mir wurde nun gesagt, ich würde meine Täter – meinen Ehemann, meinen Bekannten und meinen tatsächlichen Täter – nicht ernst nehmen. Ich würde sie unterschätzen, ich würde meine Angst unterdrücken, so dass ich es gar nicht mehr merken würde. Wahrscheinlich hätte ich auch nicht gemerkt, ob und dass mich meine Täter verfolgen.

Ich habe anderthalb Jahre bei der Heilpraktikerin gewohnt. Ich habe wirklich geglaubt, dass mir die Isolation nutzt, und die Frau hat mich immer mehr eingespannt. Mir wurden immer mehr Aufgaben gegeben, Rasenmähen, Garten machen, was auch immer. Ich war eine Hilfskraft – im Tausch gegen die wöchentlichen Gespräche. Manchmal wurde ich zu Kaffee und Kuchen eingeladen, manchmal haben wir einen Ausflug gemacht. Ich habe nicht gemerkt, dass ich unterstützt worden bin, weder vom Verein noch von der Heilpraktikerin, bei der ich gewohnt habe. Natürlich haben wir ab und an geredet, sie war ja meine einzige Ansprechpartnerin. Im Dorf war ich isoliert und wurde komisch beäugt. Wenn ich gelegentlich nach Berlin gefahren bin, war sie richtig genervt, denn einerseits war ich dann ja nicht mehr unter Kontrolle, andererseits hatte sie dann niemanden, den sie einspannen konnte. Wenn ich schwierige Themen angesprochen habe, und ich hatte wirklich schwierige Themen, hieß es, „ach das wird schon.“ Das war ihre Lösung. Das war alles. Ich hätte genauso gut mit dem Postboten sprechen können. Der einzige Unterschied war, dass wir immer schnell beim Thema Missbrauch landeten.

Anfangs war die Wohnung, die ich in der Pfalz bezogen hatte, immer einmal als Ferienwohnung vermietet worden, so dass ich sie kurzfristig räumen musste, wenn Gäste kamen. Beim ersten Mal kam ich kurz vor Weihnachten für einige Tage in dem regulären Schutzhaus des Vereins unter, wo ich ursprünglich ja auch hinwollte. Es war wie in Fort Knox, ich bin abends um 21:30 Uhr eingeschlossen worden. Dass Schloss war blockiert worden, so dass niemand von Innen und Außen die Tür öffnen konnte. Vor dem Fenster waren Gitterstäbe. Die Fenster waren abgeschlossen, die Jalousien musste ich unten lassen. Es gab ein ganz einfaches Telefon, aber mein Handy wurde mir abgenommen. Ich hatte auf dem Handy Internetzugang, und ich hätte ja Täter informieren können, war die Begründung. So sollte ausgeschlossen werden, dass von mir für die anderen Frauen eine Gefahr ausgeht. Untergebracht waren dort mit mir zwei weitere Frauen im „Schutz“ und eine Frau, die zur Aufsicht vor Ort war. Wir wurden nicht nur als Schutzsuchende betrachtet, sondern auch als potentielle Bedrohung füreinander. Für den Toilettengang gab es nur eine Plastikflasche, das große Geschäft wäre auf einer Zeitung zu erledigen gewesen. Es gab keine sanitären Anlagen in den Räumlichkeiten, in denen wir eingeschlossen waren. Aufgeschlossen wurde wieder morgens, ich war zwölf Stunden in dem Zimmer eingeschlossen. Das wurde mit den Schuldgefühlen und der Not den Tätern gegenüber begründet, die die Frauen haben. Es soll ein Bruch mit den gewohnten Mustern aus Pflichtgefühl und Betroffenheit sein. Wir sind gewissermaßen aus therapeutischen Gründen in den Knast gekommen. Auch hier wurde mit uns thematisch nicht gearbeitet, wir waren uns selbst überlassen. Mag sein, dass es damit zu tun hatte, dass Weihnachten war, ich war ja nur für wenige Tage vor Ort. Wenn ich aber das Anwesen verlassen wollte, ging das nur in Begleitung der Aufsichtsperson oder in der Gruppe mit den anderen Frauen.

Im ganzen Haus gab es Abbildungen von Missbrauch und Szenarien von Krieg, Gewalt und Vergewaltigungen. Auch ein Leichenwagen stand dort. Es war wie ein Museum. Es seien alles wahre Geschichten, die von den Frauen im „Schutz“ zur Verarbeitung dargestellt worden sind, war die Erklärung.
Irgendwann wurde mir Druck gemacht, ich solle meine Schulden beim Verein abbezahlen. Ich hatte zwei Kurse belegt für zusammen 10.000 Euro, von denen ich erst 3.000 Euro bezahlt hatte.

Zum Ende hat es Ärger mit der Frau gegeben, die in meine Berliner Wohnung gezogen war. Zahlungen blieben aus, und die Wohnung war völlig verwahrlost. Meine Untermieterin hatte einen gefährlichen Background und war sogar inzwischen vom Verein abgesondert worden.  Sie durfte dort nicht mehr in die Räumlichkeiten. Gespräche wurden mit ihr nur draußen geführt in der Öffentlichkeit.

Das teilte mir die Untermieterin selbst mit, nicht der Verein. Das fand ich vom Verein unmöglich.

Ich beschloss daraufhin, aber auch wegen anderer gruseliger Berichte von ihr, meine Wohnung in Berlin zu kündigen und teilte mein Vorhaben der Untermieterin mit. Daraufhin nahm sie hintenrum Kontakt mit der Hausverwaltung auf und versuchte die Wohnung anzumieten. Als das nicht gelang, hat die Untermieterin die Wohnung hinter meinem Rücken bei der Hausverwaltung gekündigt. Frau Kaiser, die Ansprechpartnerin beim Verein, kam aus Berlin extra in die Pfalz gefahren, um mich zu überzeugen, dass ich mich doch noch einmal bei der Hausverwaltung für sie einsetzen solle. Als ich mich weigerte, wurde mir gedroht, dass meine Untervermieterin ganz schön sauer auf mich sei und ich solle aufpassen, dass ich nicht von ihren Tätern mit dem Lieferwagen abgefangen und „eine Runde durchvergewaltigt“ werde. Ich dürfe sie, Frau Kaiser, dann aber anrufen. „Passen sie gut auf sich auf, wir sind natürlich bei ihnen“, so wurde das gesagt.

Schließlich hatte ich meine Wohnung an die Hausverwaltung zurückgegeben. Ich war dafür zwei, drei Wochen in Berlin. Ich war völlig fertig. Deswegen blieb ich etwas länger als vereinbart in Berlin. Sofort bekam ich Anrufe und Sprachnachrichten von meiner Vermieterin in der Pfalz, wo ich denn bleibe. Sie war total angefressen. Wie es mir geht, hat sie nicht interessiert, ihre Ferienwohnungen mussten geputzt werden, es kommen neue Gäste, hieß es. Darum ging es. Sie hat mich angebrüllt. So war das immer. Ich habe mir über die Bürgerhilfe eine Notunterkunft besorgt und bin nur noch in die Pfalz gefahren, um meine Sachen zu holen. Ich habe auch alle Kontakte mit dem Verein abgebrochen. Das war es dann.

Was ich heute am meisten kritisieren würde? 2017 war ich mit der Geschichte meines Missbrauchs bei der Aufarbeitungskommission. Mir war dort sogar angeboten worden, mich dabei zu unterstützen, eine Opferentschädigung zu beziehen. Als ich das im Verein angesprochen hatte, wurde das abgelehnt. Sie waren der Auffassung, es sei wichtiger, Zeit in die eigene Aufarbeitung zu stecken, als beispielsweise Anzeigen zu stellen. Heute weiß ich, warum. Die Geschichten, die erzählt wurden, wurden immer krasser. Erst war der Vater der Missbrauchstäter, dann war es die ganze Familie. Dann das ganze Dorf. Die Geschichten wurden immer krasser. Erst erzählte eine Teilnehmerin, dass sie missbraucht wurde. Dann wurde sie betäubt. All solche Geschichten. Auch die ganzen Geschichten um Fäkalien. Die Geschichten, die erzählt wurden, wurden jedes Mal schlimmer.

Als ich das erste Mal in Therapie war, ging es mir mit jeder Sitzung, mit jedem Erzählen besser. Im Opferschutzverein war es genau das Gegenteil: es ging mir immer schlechter. Als ich in Berlin bei meiner Therapeutin war und mein Umfeld hatte, war ich stabil. Als ich in der Pfalz war, bin ich total verkümmert. Ich war vier Jahre in dem Verein und habe 90 % meines sozialen Umfelds verloren. Als ich den Verein verlassen hatte, war die Pandemie bereits im vollen Gang. Das war eine sehr schlimme Zeit. Ich habe mir eine Wandergruppe gesucht, und diese Wandergruppe hat mir sehr geholfen, alles zu verkraften. Ich habe mir meine Wut förmlich weggewandert.

Als ich das Angebot von iuvenes e. V. gefunden hatte, hat es mir sehr geholfen, einen Ort zu finden, bei dem ich meine Horrorgeschichte lassen kann. Ich hatte mir zuvor einen neuen Therapeuten gesucht. Das war eine Verhaltenstherapie, es wurde also gefragt, „wo will ich hin?“ Dann hatte ich mich mit dieser Geschichte an iuvenes e. V. gewandt, und es war unheimlich entlastend, dass ich es irgendwo einmal erzählen konnte. Die Therapie hat mir sehr geholfen, aber die ganze Geschichte musste einfach mal raus. Vorher war es meine Taktik, kleine Häppchen zu erzählen, wo ich es konnte. Ich musste zusehen, dass ich nicht runterfalle, dabei hatte ich den Wunsch, es ablegen zu können, wie einen Mantel, den ich abstreife.

Trotzdem gehe ich da nicht unbeschadet raus. Ich bin unglaublich misstrauisch gegen Menschen geworden. Ich verlasse mich auf niemanden mehr, ich rechne bei Menschen immer mit allem. Ich suche mir auch weiterhin Hilfe, aber ich rechne immer mit allem. Ein Teil von mir ist immer in Alarmbereitschaft. Das werde ich auch nie wieder ablegen.

Es braucht Zeit. Viel Zeit.