Irgendetwas ist komisch mit euch! Seid ihr so etwas wie eine Sekte?
Ich hatte damals ein seltsames Verhältnis zwischen mir und der dörflichen Gemeinschaft, wenn ich mit großem Abstand darüber nachdenke.
Als Kind in einem Dorf mit netten Menschen und niedlichen Tieren aufzuwachsen, oft draußen in der Natur spielen zu können, Abenteuer im Wald zu erleben, Feste mit Musik, Spielen und Mutproben zu feiern, ist schon toll. Jeder kennt jeden und alle wissen immer voneinander gut Bescheid. Ein freundliches herzliches Miteinander, eine großartige Gemeinschaft auf dem Lande. Man lebt und arbeitet zusammen und nur dort kann man ein erfülltes Leben im Einklang führen. So hört es sich manchmal an, so fühlt es sich manchmal an, wenn mir jemand etwas über das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, erzählt oder ich etwas darüber lese.
Dieses Leben kann man bekommen, wenn man sich mit Fleiß und Hingabe für die Gemeinschaft aufopfert. Oder doch nur für einen Bestimmer und dessen engste Unterstützer? Tag und Nacht für die Gemeinschaft zu arbeiten und akzeptieren, dass andere bzw. ein anderer für einen entscheiden, was gut und was schlecht ist. Entschieden wird, mit wem man eine Liebesbeziehung eingeht und Kinder bekommt. Indem man also seine Persönlichkeit und Individualität am Ortsschild abgibt und in sozialer, aber auch materieller Abhängigkeit der Gemeinschaft lebt. Es werden Kinder in die Gemeinschaft geboren, die kaum die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung erhalten werden zu bestimmen, was und wer sie werden möchten und wo sie einmal leben wollen. Dies ist zum Glück nicht meine Geschichte.
Als erstes Kind der Generation, welche das Dorf nach esoterischem Vorbild gegründet hat – heute würde ich sagen übernommen hat –, waren die anderen Kinder der ersten Generation und ich schon etwas Besonderes. Es ist erstaunlich, dass die Hierarchie, die es offensichtlich doch gibt, dieser gesellschaftlichen Dorfstruktur bis auf die Kinder durchschlägt. Es war immer klar, dass die Kinder des Bestimmers, wie wir Kinder ihn nannten, aber auch der Familie des Dorfrates das Sagen haben. Teilweise sogar indirekt gegenüber Erwachsenen, die später hinzukamen. Ich konnte mich in jungen Jahren gut in dieser Struktur zurechtfinden und profitierte zugegebenermaßen auch davon. Etwas seltsam war es trotzdem, dass es ein unheimliches Ungleichgewicht der Privilegien und Entscheidungsbefugnisse unter uns Kindern gab. Ich lebte in einer gut behüteten Blase.
So schön, wie es sich erstmal angefühlt hatte, so verwirrend und unbehaglich wurde die Zeit als Teenager. Ich besuchte nach dem dörflichen Kindergarten eine Privatschule im nächsten Städtchen. Die Schule war ebenfalls unter anderem ein Gründungsprojekt der ersten zugezogenen Dorfgeneration mit anderen Gleichgesinnten. Somit war die Umgebung in der Schule gar nicht so fremd. Es war alles nur viel größer als auf dem Dorf. Ich fand weitere Freunde in der Schule. Einen guter Freund beispielsweise, dessen Mama mit ihm sogar zu uns ins Dorf in eine kleine Wohnung zog, in der man bleiben konnte bis man richtig aufgenommen wurde. Sie kamen aus Berlin, einer für mich riesigen anonymen Großstadt, zu uns in die kleine, heile Welt. Mein Freund aus Berlin brachte die Begeisterung für den Sport, für gute Musik, für Comics und viele weitere Dinge mit, die ich irgendwie kannte, aber nicht hatte. Er erzählte mir irgendwann, dass er auf einmal Dinge nicht mehr machen durfte und seine Mama immer mehr Ärger bekam. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen sollte. Er fragte mich, ob es normal ist, dass jeder Erwachsene mit jeden irgendwie mal eine Beziehung hätte und dass einer alles bestimmen darf. Ich hatte mir dazu bisher gar keine Gedanken gemacht. Kurze Zeit später hatte ich ein sehr prägendes Erlebnis, als er zu mir kam und sagte, dass er heute Nacht wieder mit Mama nach Berlin zurückfährt, es aber ganz wichtig ist, dass ich niemand davon erzähle. Das tat ich auch nicht. Und somit war eine beginnende feste Freundschaft von einem zu anderen Tag gekappt. Mir konnte niemand erklären, warum das so gekommen ist. Ich begann, den Fragen auf den Grund zu gehen.
Was passiert hier? Je mehr ich hinterfragte, je mehr ich Dinge tat, die nicht so gern gesehen waren, desto mehr war ich irgendwie alleine bzw. fühlte mich so. Ich zog mich zurück und fühlte mich nicht mehr so stark als Teil der Dorfgemeinschaft. Ich war inzwischen jemand, der mit seiner Introvertiertheit und Unsicherheit geduldet wurde. Mein Vater machte mir zwar immer wieder deutlich, dass ich mich zu wenig einbringe und die Gemeinschaft dadurch belaste. Das war mir aber eigentlich egal. Meine Mutter hielt mich gefühlt aus allem heraus und verschaffte mir etwas Freiraum. Aber auch dieser Status war irgendwann nicht mehr tragend. Auf einmal wollten mir Kinder der zweiten Generation, welche irgendwie ein Verwandtschaftsverhältnis zum Dorfguru oder dessen Delegation hatten, Vorgaben machen. Sie wollten bestimmen ob, wann und mit wem ich beispielsweise Fußball spielen darf. Es hat mich extrem genervt und zerrissen, dass jeder wusste, wie schwierig es mir fiel, aber mir permanent ein heuchlerisches, oberflächliches Lächeln und „Hallo“ entgegengehalten wurde. Probleme wurden nicht angesprochen. Ab und zu bekam ich einen verbalen Einlauf von anderen Erwachsenen. Meine Eltern hielten sich gefühlt heraus. Ab und zu bekam ich meinen besorgten Vater zu sehen, der mir sagte, dass ich mich so nicht bewegen kann. Es eskalierte, als ich beschloss, niemanden mehr zu grüßen oder in das Gesicht zu schauen. Ich fühlte mich mit meiner Zerrissenheit und Unzufriedenheit alleine gelassen. Nach harten Diskussionen fügte ich mich und beschloss, so zu tun als wäre alles okay. Der Weg des geringsten Widerstandes machte es wieder etwas lebenswerter. Ich legte nun ein scheinheilig gequältes Lächeln auf und grüßte wieder jeden und versuchte, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dies gelang mal mehr und mal weniger.
Ich lebte mehr und mehr in einer Parallelwelt. Ich baute mir über die größer gewordene Schule Kontakte und Freundschaften nach außen auf. Ich überredete meine Mutter, in einem richtigen Fußballverein spielen zu dürfen und fokussierte mich auf den Fußball. Das Dorf war für mich eigentlich nur noch ein Ort zum Essen, Hausaufgaben machen und schlafen. Gelebt habe ich hier eigentlich nicht mehr. Im Fußballverein wussten natürlich einige über das Dorf Bescheid und fragten mich, was ich im Verein zu suchen habe. Sie machten sich über die Ökos, die nur tanzen, klatschen und singen, lustig. „Irgendetwas ist komisch mit euch! Seid ihr so etwas wie eine Sekte?“ „Bei euch entscheidet doch ein Guru und ihr seid doch alle Geschwister und Halbgeschwister,“ hörte ich nicht nur einmal. Das tat weh, da es irgendwie auch stimmte. Uns wurde immer gesagt, dass die anderen keine Ahnung haben und wir zusammenhalten müssen. Es war mir so unheimlich peinlich, so dass ich es nicht zugeben wollte.
Dann passierte etwas, wofür ich den Fußball und den Sport liebe. Ich verdiente mir als zuverlässiger Teamplayer in der Jugendmannschaft viel Respekt, auch von denen, die mich zu Beginn noch belächelten und ärgerten. Ich hatte auf einmal Anschluss zu den Jungs außerhalb des Dorfes und der Schule. Ich hatte einen Trainer, der mich aufgrund meiner Teamfähigkeit und Einsatzbereitschaft lobte und förderte. Endlich nicht mehr dieses komische Gefühl, nicht einschätzen zu können, ob man was richtig oder falsch macht, und überhaupt Anerkennung für etwas zu bekommen, was einem Spaß macht. Ich war hier nicht der bedeutungslose, griesgrämige Junge, der von seinem Lebensweg abgekommen ist, ich war ich! Das Ich war positiv!
Mein Verhältnis zur Gemeinschaft kippte immer mehr und ich zog mich so gut es ging weiter heraus und verbrachte Zeit mit Freunden außerhalb des Dorfes und Kumpels vom Fußball. Diese Verselbstständigung wurde entweder von der Gemeinschaft unterschätzt (ich erzählte ja nichts) oder ich wurde bereits aufgegeben oder war einfach belanglos. Das Doppelleben machte mir dann doch mehr Probleme, als ich dachte. In der Schule lief es überhaupt nicht mehr. Gesundheitlich ging es so auch nicht weiter. Nach einem Absturz zog meine Mutter die Reißleine und meldete mich zur Probe an einer anderen Schule, 40 Kilometer entfernt vom Dorf an. Die Chance ergriff ich und beschloss, dort zu bleiben. Es tat mir richtig gut. Es entstanden einige neue Freundschaften. Mit 17 Jahren zog ich aus dem Dorf aus in eine WG und beendete das erste verwirrende Kapitel meines Lebens. Es war schon ein harter Bruch, auch wenn immer mal wieder Kontakt zur Familie und zu alten Freunden bestand. Nach der Schule zog es mich dann noch weiter weg nach Berlin. In Berlin begann ich wiederum ein völlig neues Leben.
Ich ließ meine Vergangenheit so gut es ging hinter mir und beschloss, den seltsamen Abschnitt der Kindheit und Jugend tief in mir zu vergraben. Das klappte erstaunlich gut. Meine Geschichte wäre sicherlich auch nicht so geeignet, um hier in Berlin unvoreingenommen neue Freunde zu finden. Die Scham war nach wie vor sehr groß. Und irgendwie war das Neue auch viel interessanter als das Hochholen der Altlasten. Natürlich wurde ich immer wieder familiär mit der Dorfgemeinschaft und der Vergangenheit konfrontiert. Ich sah mich aber nicht als Teil dieser.
Nun lebe ich mit meiner kleinen Familie seit über 10 Jahren in Berlin und alles ist gut. So hatte ich das vor. Die ferne Vergangenheit war irgendwie unbefriedigend aber bedeutungslos. Mit dieser Einstellung klappte es immer ganz gut. Wenn ich jedoch nun darüber nachdenke, ist die Kindheit dann doch auch immer Teil meiner Gegenwart. Das musste ich mir erstmal eingestehen. Die Rolle des unzufriedenen Jungens spüre ich immer noch in mir. Zumindest teilweise. Ein immer mal wiederauftauchendes Misstrauen gegenüber meinen Mitmenschen und innere Zweifel beschäftigen mich nach wie vor und belasten somit den Alltag mit Familie, Freundschaften und im Beruf. Ich glaube, insgesamt komme ich jedoch gut zurecht.
Dann holte mich die Vergangenheit doch wieder auf einen Schlag ein. Ein Vorfall in dem Teil der Familie, der länger im Dorf verblieb, entpuppte sich als ein harter und langer Kampf mit der Sektengemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin, und damit mit der verdrängten fernen Vergangenheit. Wir wurden in tiefste Abgründe der Machenschaften der Sektengemeinschaft herab gerissen. Anwälte, Beschuldigungen und Psychoterror nahmen einen großen Teil des Alltags ein. Eine große Belastung für mich und meine Familie hier in Berlin, aber vor allem für die direkt Betroffenen aus meiner Herkunftsfamilie. Es wurde mir immer mehr bewusst, welches „Glück“ ich hatte und wie schlimm es anderen in der Gemeinschaft erging und heute ergeht. Unheimlich viel Wut im Bauch und Schuldgefühle, mich so ignorant oder oberflächlich mit diesen Dingen beschäftigt zu haben, treiben mich nach wie vor um. Das Limit war erreicht. Es war klar, dass wir Hilfe brauchen. Aber nur wie? Wie wehrt man sich gegen eine Sekte oder destruktive Gruppe? Wir mussten die Erfahrung machen, dass viele Anwälte, Ämter, aber auch Gerichte, Sekten und destruktive Gruppen unterschätzen. Dass viel zu wenig Aufklärung betrieben wird, wie man diese identifiziert und wie es Menschen in diesen Gruppen ergeht. Aussteiger werden oftmals als enttäuschte Menschen abgestempelt, die sich in der Gesellschaft nicht zurecht finden.
Hilfe für Aussteiger zu finden oder Menschen, die Probleme mit destruktiven Gruppen haben, ist überhaupt nicht so einfach, und das zeigt, wie nachlässig mit diesem Thema umgegangen wird. Über Umwege lernte ich Jan und Glory von iuvenes e.V. kennen. Jemanden an der Seite zu haben, der vom Fach ist und mit Rat und Tat zur Seite steht, ist essentiell wichtig in so einer Situation. Ich merkte, dass mich die Konfrontation mit der Sektengemeinschaft immer mehr belastete. Jan und Glory informierten mich zu Beginn über das Angebot, sich in Gruppentreffen mit anderen austauschen zu können. Ich hatte davon schon gelesen, sah mich aber in der Position des um Rat suchenden Unterstützers meiner hilfesuchenden Familie. Nach und nach merkte ich, dass eine Aufarbeitung des Geschehenen notwendig wird, da ich immer mehr an meine Grenzen stieß. Ich war mir unsicher. Ich habe doch seit vielen Jahren ein gefestigtes Leben, ist das gerecht? Ist das in Ordnung, wenn ich an einem Gruppentreffen teilnehme? Ich konnte mich überwinden und merkte wie gut es tut, in dieser Konstellation gemeinsam über diese Dinge zu reden, die einen beschäftigen. Ich habe das Gefühl, unheimlich viel Kraft mitnehmen zu können und auch etwas von mir einbringen zu können. Ich finde es klasse, dass es dieses Format gibt, in dem die Gespräche ohne Vorurteile und Schamgefühl stattfinden können. In denen man zuhören kann, reden kann und auch, ganz wichtig, zusammen lacht.
Es ist schlimm, wie viele Menschen in destruktiven Gruppen gefangen waren und es noch sind. Ein angemessenes Bewusstsein hierfür in unserer Gesellschaft fehlt meines Erachtens noch. Es ist wichtig, in der Öffentlichkeit aufzuklären. Es ist unheimlich wichtig, dass es Beratungsstellen für Betroffene und Aussteiger gibt. Ich bin froh, für mich und meine Familie Unterstützung gefunden zu haben.