Ich bin noch nicht bereit, meine Geschichte zu erzählen. Zu sehr wirkt die Indoktrination, dass nichts nach außen dringen darf.
Jahrelang hatte ich nach jeder Therapiestunde ein so schlechtes Gewissen, dass ich Dinge über mich und mein Leben erzählt habe, Dinge, die passiert sind, dass ich mehrere Tage gebraucht habe, um den Alltag wieder meistern zu können. Schuld, Scham und Zwänge bestimmten die meiste Zeit meines Lebens.
Das ist auch heute oft so, auch wenn die Regenerationszeit kürzer wird, wenn ich wieder ein Stück von mir preisgebe.
Deshalb schreibe ich hier nichts zu den Umständen, aus denen ich komme.
Ich denke, ich unterscheide mich aber auch nicht groß von den anderen Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben, auch wenn wir alle natürlich individuelle Wesen sind, mit individuellen Geschichten, die aber zu ganz ähnlichen Problematiken führen können. Denn eines der Dinge, die uns verbinden, ist, dass wir unsere Individualität nicht leben durften und die Gruppe/Gott immer das Wichtigste war. Individuell zu sein, war sehr gefährlich. Durch den Austausch mit anderen Betroffenen und begleitenden Gesprächen bei iuvenes e.V. ist mir klargeworden, dass ich nicht die Einzige auf der Welt bin, die so fühlt, lebt und kämpft, wie sie es tut.
Mein Leben lang habe ich mich so gefühlt.
Und mir ist klargeworden, dass es dafür logische Gründe gibt.
Mit der Erkenntnis und dem Durchschauen hat bei mir ein Heilungsprozess eingesetzt. Früher hatte ich keinen, mit dem ich reden konnte, ich konnte noch nicht einmal in Worte fassen, was nicht stimmt. Dass aber etwas nicht stimmt, das habe ich immer gemerkt.
Ich denke, Stück für Stück anzufangen, über sich zu reden, sich Menschen zu öffnen, die einem eben nicht den einen richtigen Weg vorgeben, und damit zu sich selbst zu stehen, ist ein Weg für mich ins Leben zu finden. Damit meine ich ein authentisches und individuelles Leben.
Auch wenn sich das anfangs schrecklich angefühlt hat, da ich ja nur gewohnt war, dass mir alles genauestens vorgegeben wurde und ich nie gelernt habe, Antworten in mir selbst zu suchen. Dank der individuellen Beratung bei iuvenes e.V., dem regelmäßigen Austausch mit anderen Teilnehmern in der moderierten Gesprächsgruppe und einer guten und von Vertrauen geprägten therapeutischen Begleitung konnte ich das lernen.
Heute entferne ich mich immer schneller von Menschen, die mir den einen richtigen Weg aufzwängen wollen, darauf bin ich sehr stolz. Denn, was gut für mich ist, das kann und darf ich inzwischen selbst beurteilen.
Es ist im zwischenmenschlichen Kontext für mich sogar eine Mindestvoraussetzung an Respekt geworden.
Die Geschichten der anderen und der Austausch mit ihnen, haben mir sehr geholfen. Irgendwann wird hier vielleicht auch meine ganz individuelle Lebensgeschichte stehen…
Vielleicht auch ohne, dass ich mich schuldig fühle und schäme für etwas, für das ich nichts konnte, für etwas, in das ich hineingeboren wurde.