Kürzlich hatte ich ein Bewerbungsgespräch. Und ich fühlte mich schuldig gegenüber einer ehemaligen Kollegin, die ich ja dann verlassen würde. Was so nicht ganz stimmt. Aber es hat mir zu denken gegeben; und zwar dahingehend, dass mir bei jedem Schritt, den ich im Leben gehe, unterbewusste Schuldgefühle und Widerstände begegnen.
Es tauchen Ängste auf, dass ich etwas falsch mache, oftmals begleitet von so einem schweren, betäubten und depressiven Gefühl. In meiner Kindheit konnte ich nicht gut lernen, eigene Schritte zu gehen. Ich durfte es sogar nicht.
Ehrlich gesagt fühle ich mich seit meiner Geburt schon schuldig dafür, am Leben zu sein. Meine Mutter gab mir einen Satz mit – sie erzählte ihn ganz beiläufig bei einer Gartenparty – den ich immer noch nicht verdauen kann: „Ich bin mit dir hingefallen, als ich schwanger war. Da wirst du wohl deinen Schaden her haben.“ – Was für eine Kälte spricht aus diesem Satz! Ich bin also das Kind, das einen Schaden hat. Eine Art störendes Element. Aber das Gefühl zu der damaligen Schwangerschaft, zu dem zarten Leben im Mutterbauch und auch zu mir, während sie diesen Satz ausspricht, scheint völlig abgespalten zu sein.
(Ich konnte dazu keine weiteren Informationen bekommen, außer, dass mein Vater damals wohl in Sorge war; und ich eigentlich noch ein jüngeres Geschwisterkind hätte, das aber nie zur Welt kam, weil sich meine Mutter für eine Abtreibung entschied.)
Ich glaube sehr stark an Bilder aus der Natur, die uns etwas zeigen können. Wenn man so will, bin ich nicht gut verwurzelt in die Welt gekommen. Mit einem grundsätzlichen Nein. Und ich musste jahrelang hart kämpfen, um überhaupt weiterleben und wachsen zu können. Bestimmte Wachstumsschritte musste ich mir hart erkämpfen; zunächst einmal mir überhaupt einen Platz in der Welt erlauben, und dann auch einen eigenen Weg zu gehen. Und ich musste mich irgendwie auch immer pushen, um etwas zu erreichen und gegen dieses Nein anzukämpfen. Als würde ich ständig mit angezogener Bremse schnell fahren wollen.
Wie bin ich nun zum Sektenthema gekommen? Ich war ein Jahr lang Teil einer destruktiven esoterischen Gruppe, und fand mich nach dem Ausstieg finanziell und seelisch ruiniert wieder. Nach gewisser Zeit konnte ich diese Episode dankbarerweise psychisch verarbeiten. Ich habe hier psychische Gewalt erlebt. Und ich bin nicht schuld daran. Das möchte ich so festhalten.
Aber später tauchten wieder die Erinnerungen aus meiner Kindheit auf. Und ich sah plötzlich Parallelen. Eigentlich, wenn man es so betrachten will, bin ich in eine „Sektenfamilie“ hineingeboren, die so aussah, dass meine Mutter der Guru war, dem sich der Rest der Familie zu beugen hatte. Heute glaube ich, sie leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, auch wenn diese nicht diagnostiziert wurde.
(Ich vermute sie hatte eine kriegstraumatisierte depressive Mutter. Und ich habe des öfteren Dinge aus unserer Familiengeschichte in Erfahrung bringen wollen – hier gibt es wie in so vielen deutschen Familien unausgesprochene Familiengeheimnisse. Ich denke auch an Bücher von Johanna Haarer aus der Nazizeit und erinnere mich an eine Situation mit meinem Onkel am Essenstisch, bei dem er sagte: Heutzutage darf man noch nicht mal sein Kind schlagen! Früher und bekräftigt durch dieses Buch war es leider normal, sein aufsässiges Kind mit Schlägen zu bändigen.)
Wenn ich mich so verhielt, wie meine Mutter es wollte, war ich Teil der Familie; wenn nicht, dann nicht. Es gab auch körperliche Gewalterfahrungen durch meine Eltern. Aber die psychisch ausgeübte Gewalt durch meine Mutter wiegt schwerer. Es waren bestimmte Redewendungen. Es war die Art, wie sie mich ansah. Es war die plötzlich einbrechende Gefühlskälte. Nun, sie konnte auch warmherzig sein. Vielleicht sollte ich dafür dankbar sein. Aber dafür waren die Wechsel zu der Gefühlskälte und Gewalt umso schlimmer.
Irgendwie hat es meine Mutter geschafft, mir jeden meiner Geburtstage zu ‚versauen‘. Ich freute mich immer so sehr auf alles; auf die Geschenke, auf die Gäste… Aber sie machte kurz vorher wegen Kleinigkeiten ein Riesendrama, so dass ich mich richtig schlecht fühlte und weinen musste. Und dann klingelten die ersten Gäste; und meine Mutter war plötzlich ganz fröhlich, so als wenn nichts gewesen wäre. Sie beschwerte sich lediglich darüber, was ich denn für ein Gesicht ziehen würde.
Meine Mutter konnte auch richtig laut werden, hysterisch schreiend und weinend und um sich schlagend. Ich beschreibe das Grundgefühl meiner Kindheit immer so, als hätte ich in einem Minenfeld gelebt. Ich wusste nicht, wann die Stimmung wieder kippen würde bzw. ich in die nächste Mine trat. Obwohl ich mir so viel Mühe gab, dass es „Mutti“ besser geht. So oder so, egal, was ich tat, war ich für sie ein schlechtes Kind. Das war also eine Falle. Mal war es zu wenig, und ich sollte mich mehr einbringen; mal wieder zu viel, und ich sollte bloß still sein und in mein Zimmer gehen. – Mein Zimmer… – Auch mein Zimmer war eine Falle. Es war nicht wirklich mein Zimmer. Meine Mutter hat sich jederzeit Zugriff verschafft mit dem Vorwand, sie müsse etwas aus dem großen Familien-Kleiderschrank holen, der sich in meinem Zimmer befand. Es war auch sehr hellhörig bei uns; und ich höre immer noch manchmal ihre Schritte vor der Tür.
Ich konnte mich irgendwie kaum bemerkbar machen, zum Beispiel mit der Frage, ob sie das mal lassen kann. Es scheint mir, da war schon viel eher eine Einschüchterung vorhanden, so dass ich kaum Themen ansprechen und auch wenig in den Kontakt nach außen gehen konnte. Ich war isoliert. Ich durfte nicht ich sein. Ich durfte nicht laut sein. Ich durfte mir keine Stimme geben. Ich erinnere mich an Wortfetzen ihrerseits: „Diskutiere nicht.“ „Höre gefälligst.“ „Du bist eine böse Tochter.“ „Du lebst doch nur auf der Sonnenseite.“ „Schäm‘ dich! Wie du wieder aussiehst!“ „Sei nicht so sensibel!“
Durch all diese Einschüchterungen zog ich mich tief in mich selbst zurück und wurde äußerlich wie ein erweiterter Teil des Selbst meiner Mutter. Ich war ihr Besitz; ihr „Püppchen“ oder „Tier“, mit dem man auch mal angeben konnte, aber über das man sich größtenteils nur aufregen muss. Sie hat bestimmt, wie ich zu sein hatte. Und wenn ich irgendetwas anders wollte als sie, wurde ich bestraft. Sie konnte mir sehr gut einen Glauben an die „gute Mutter“ antrainieren, den ich tatsächlich jahrelang verinnerlicht habe.
„Du brauchst mich. Dir geht’s doch gut. Ich tue doch alles für dich.“
Es gab auch so Doppelbotschaften ihrerseits wie: „Sei für mich da.“ Aber: „Lass mich bloß in Ruhe!“
Während meines Studiums litt ich an Depressionen und wollte meiner Therapeutin zunächst klarmachen, dass das nichts mit meiner Kindheit zu tun hätte, denn da war ja alles in Ordnung. Erst als ich mit Freunden ein Theaterstück sah, bei dem eine Mutter am Essenstisch ihr Kind aufs Schlimmste psychisch erniedrigte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. So war meine Kindheit! Ich musste das Theaterstück verlassen und hatte einen Weinanfall. Da begann das Kartenhaus meiner Mutter zu bröckeln.
Eine wirklich sichere und ungefährliche Bindung konnte ich nur bei meiner Großmutter erleben. Ich habe mal gehört, dass es diesen einen Kontakt braucht, um später ein gesundes Leben führen zu können. Und ich glaube, das stimmt und bin meiner Oma sehr dankbar. Es bleibt etwas hängen und ein ungefähres Gefühl davon, was gesunder Kontakt und Liebe ist. Sie hat mich bei sich empfangen mit dem Grundgefühl „Schön, dass du bist.“ Sie hat manchmal einfach meine Hand gehalten. Ich habe bei ihr als Kleinkind laufen gelernt. Wirklich. Meine Eltern waren damals ganz überrascht, als sie mich wiedersahen und aus einem Urlaub zurückkamen, bei dem ich bei den Großeltern untergebracht war.
Ich habe sehr früh eine „Überempathie“ entwickelt. Das heißt, ganz feine Antennen dafür, wann wohl der nächste Gefühlsausbruch meiner Mutter anstehen würde. Um ihn vielleicht doch noch verhindern zu können. Emotional wollte ich ihr jegliche Last abnehmen, damit es ihr gut geht und sie die Mutter ist, die ich mir wünschte.
Heute würde ich sagen, dass daraus durchaus auch positive Eigenschaften erwachsen sind. Ich habe immer noch sehr feine Antennen, was mir in meiner sozialpädagogischen Arbeit hilft. Auch habe ich eine deeskalierende Wirkung auf Menschen. Ich versuche quasi immer noch, Minen zu entschärfen. Das habe ich schon in meiner Kindheit getan, auch wenn es für ein Kind eine schier unlösbare Aufgabe und ein ‚viel zu großes Paar Schuhe‘ war.
Wie erwähnt hat sich meine Mutter Zugriff zu meinem Leben oder mehr noch zu meiner Seele oder Psyche verschafft und ständig ihren Müll auf mich abgeladen. Ich hatte keine Chance, mich abzugrenzen. „Freund oder Feind“, sagte sie manchmal zu mir. Und dass wir beide eine „Hassliebe“ hätten, obwohl ich mir das so nicht ausgesucht habe. Ich habe ihr Verhalten verinnerlicht: Ihr Müll in meinem Zimmer. Sie war lange als solch eine verinnerlichte Person bzw. als verinnerlichter Anteil in meinem Raum. In mir. Es war, als wäre das mit mir verwachsen; als könne ich das nicht abschütteln.
Später habe ich das leider auch in Beziehungen so weitergelebt. Schließlich hatte ich es so erlernt. In meiner Gegenwart konnten sich Menschen regulieren. Sie konnten ihren Müll auf mich abladen. Ich ließ es zu, auch wenn von mir selbst gar nichts mehr übrig blieb. Menschen drangen in meinen Raum ein und verschafften sich Zugriff. Ich konnte lange Zeit im Leben nicht nein sagen, geschweige denn meine Wut spüren. Auch heute muss ich noch aufpassen, dass ich nicht immer so in Verbindung mit Menschen trete: mit einem ganz feinen Angebot: „Lass mich deine Last tragen.“
Sehr spät erst habe ich das Trauma meiner Kindheit verstanden, und ich arbeite immer noch daran.
Manchmal denke ich an das damals empfundene Minenfeld; und dann muss ich ganz genau hinschauen in alltäglichen Situationen, ob die Minen noch scharf sind oder nicht. Letztens habe ich in einen Raum mit vielen netten Menschen gesessen. Und da hab‘ ich festgestellt: Jetzt gerade kann ich keine Mine sehen und fühlen. Der Boden sah sehr glatt und friedlich aus. Ist das nicht schön?!
Ich muss mich nun auch nicht mehr ständig pushen wegen der Überladung bzw. „Übererregung“ durch mögliche Minenfelder oder dem grundsätzlichen „Nein“ zum Leben, das mir mitgegeben wurde.
Auch konnte ich lernen, das Bild meines „Zimmers“ oder inneren Raumes neu zu betrachten bzw. zu „re-framen“. Ja, in meiner Kindheit war ich wie gefangen, und andere konnten sich Zugriff auf mich verschaffen. Nein, heute bin ich das nicht mehr. Ich habe meine Grenzen spüren lernen dürfen. Ich darf mich abgrenzen. Ich kann über die Tür „mein inneres Zimmer“ öffnen und schließen, wann immer ich es will. Ich hab‘ den Schlüssel. Ich kann nach draußen gehen und in Kontakt mit Anderen treten. Und ich kann auch Menschen an mich heranlassen – wenn sie höflich anklopfen.