Meine Großeltern sind kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an eine Religionsgemeinschaft geraten, die sich als wieder errichtete Urkirche versteht, ihren Mitgliedern sagt, sie gehören zu den Erwählten, und die täglich bzw. stündlich auf die Wiederkunft Jesus wartet, der dann die, die treu auf ihn gewartet haben und würdig sind, mitnehmen, erretten und mit ihnen Hochzeit im Himmel feiern wird, während der übrige Teil der Menschheit und die Welt untergeht bzw. der Teufel auf ihr losgelassen wird. Würdig sein kann man nur, wenn man den Gottes Wort verkündenden Gemeinschaftsführern dieser Religionsgemeinschaft treu nachfolgt. Nach außen ist die Religionsgemeinschaft maximal bemüht, ein herrliches, harmonisches Bild abzugeben. Ein bisschen altmodisch, ein wenig sehr konservativ, aber ganz lieb und nett. Organisiert wird die Religionsgemeinschaft von einer Ämterpyramide an deren Spitze der Oberführer und die für jeweils ein Gebiet zuständigen Gebietsführer stehen. Um die Gemeinschaftsführer wird eine Art Menschenverehrung veranstaltet. Nach unten verbreitert sich die Ämterpyramide bis zu Gemeinde-Vorstehern, Priestern, Diakonen. Diese Ämterpyramide ist gepaart mit einer absoluten Weisungs- und Ernennungsbefugnis von oben nach unten, nur die obersten Ämter werden aus Spendengeldern (dafür aber fürstlich) bezahlt, die unteren leisten ihr Amt neben ihrem Broterwerbsjob in einer Art täglich unbezahltem Nebenjob ehrenamtlich. Die Weisungsbefugnis, die so weit geht, dass keiner der Amtsträger Barttracht tragen darf, wird mit allerlei Anweisungen und Gedanken des Gemeinschaftsführers zum kommenden Gottesdienst, die die unteren Ämter jeweils mehr oder weniger auswendig lernen, verwirklicht. Keiner der Ämter ist theologisch ausgebildet und keiner der Ämter ist in irgendeiner Weise für den Umgang mit Menschen, seelsorgerisch oder sonst wie ausgebildet. Die Gemeindemitglieder haben keinerlei Mitspracherecht, es gibt nichts, das etwa einem gewählten Kirchengemeinderat gleicht. Das wird wohl alles als nicht notwendig betrachtet, da die Führer und insbesondere der Oberführer Gottes Wort und damit die Wahrheit verkünden. Die Gemeinschaft finanziert sich aus den Spenden der Gemeindemitglieder, wobei als Größenordnung, um unter der vollen Gnade Gottes zu stehen von der Leitung 10% des Gehalts empfohlen wird; das sind selbstverständlich Bruttoempfehlungen, will man doch unter den Bruttosegen des Herrn kommen. Und schließlich will man am Tag des Herrn ja von ihm auch als würdig angenommen und mitgenommen werden und dazu gehört eben auch, dass von Herzen geopfert wurde.
Das hört sich alles schräg an, aber wenn man so von Kindesbeinen groß wird, ist das die (subjektive) Wahrheit, und die Angst, am Tag des Herrn nicht dabei zu sein, wird ganz tief in das Kinderherz eingepflanzt, und es ist ebenso unhinterfragbar, nur die bedingungslose Nachfolge dessen, was die Ämter und insbesondere der Oberführer sagen, gibt einem überhaupt die Chance, am Tag des Herrn dabei sein und errettet zu werden. Die Veranstaltungen und Gottesdienste dieser Religionsgemeinschaft finden im Frontalunterricht statt, vorne redet einer, und die davor Versammelten haben zuzuhören. Und es wird auch die gesamte Freizeit von den Veranstaltungen der Religionsgemeinschaft ausgefüllt. Wenn man wöchentlich zu einer Chorprobe, einer Orchesterprobe, drei Gottesdiensten (inzwischen sind es nur noch zwei), Zeugnisbringen (abends bei Menschen, die ihren Feierabend genießen wollen, ungebeten klingeln und ihnen von der Wiederkunft des Herrn erzählen (das wurde inzwischen aber wegen Ineffektivität eingestellt), einer Jugendstunde / Gottesdienst, Konfirmandenunterricht zu gehen hat, dann ist da eigentlich keine Zeit mehr, um gerade als Jugendlicher in der Freizeit eigene/ andere Erfahrungen zu machen. Aber das soll man ja auch nicht: von den Weltmenschen soll man sich fernhalten, außerhalb der Gemeinschaft sind die Sünde, die Versuchung, der Teufel allgegenwärtig und davor hat man sich in Acht zu nehmen. Mein großer Traum war in den örtlichen Fußballverein zu gehen, ich wollte unbeschwert mit Gleichaltrigen zusammen sein und meinen ganz natürlichen Bewegungsdrang ausleben, weil ich in der Schule ebenso wie in den Veranstaltungen der Religionsgemeinschaft still zu sitzen hatte. Das durfte ich aber nicht. Wenn ich in einem Fußballspiel gerade dabei sein würde, das Siegtor für meine Mannschaft zu schießen und Jesus wiederkommt, dann besteht die Gefahr, dass ich ihm nicht augenblicklich nachfolgen würde. Es sollte einfach im Freizeitangebot keine Konkurrenz entstehen. Ein Jugendlicher, so das offenkundige Kalkül, der Spaß im Fußballverein hat, verliert sehr schnell das Interesse an den Veranstaltungen der Religionsgemeinschaft mit ihren finsteren, von Vorschriften, Verboten und Warnungen strotzenden Predigten. Weltliche Veranstaltungen, Disco, Festivals, Partys, weltliche Musik, die Jugendzeitschrift Bravo, tanzen gehen – nein daran war nicht zu denken, das war Sünde, das war Gefahr. Ich verkroch mich stattdessen in die Welt der Bücher, in der Schule war ich schon ein Sonderling, aber ich liebte es zu lernen. Mit 16 Jahren nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, sagte, dass ich nicht mehr zu den Veranstaltungen der Religionsgemeinschaft gehe. Mein Puls war auf 180. Das schlug ein wie eine Bombe. Wenige Tage später besuchten zwei mir unbekannte Amtsträger meine Eltern, nahmen mich im elterlichen Wohnzimmer ins Gebet und versuchten, mich wechselseitig, erst nett, aber dann immer verärgerter, von meinem Entschluss abzubringen. Ich wies sie auf immanente Widersprüche in den Aussagen der Religionsgemeinschaft hin, auf die Unterschiede in der Stellung der Gemeinschaftsführer in der Urkirche im Vergleich zu der in der Religionsgemeinschaft – und blieb bei meinem Nein. Irgendwann gaben sie auf und erklärten meinen Eltern, dass sie noch nie einen so brutalen Menschen wie mich kennen gelernt haben. Ich war erst 16 Jahre jung. Mir sagten sie noch, dass es ihre Erfahrung mit solchen wir mir, also mit Abtrünnigen und Aussteigern, ist, dass diese im Leben scheitern, alleine bleiben und alkohol- bzw. drogenabhängig werden. Denen innerhalb der Gemeinschaft bedeuteten sie, dass sie die Verbindungen mit mir abbrechen sollen, da darauf nicht der Segen Gottes liegt und ich wie ein fauler Apfel bin, der aus der Obstkiste entfernt werden muss, weil ich sonst die anderen anstecke. Kurz nach dem Abitur zog ich dann zuhause aus, ging an die Universität und neben allem, was dort auf mich einströmte, konnte ich diese mir zuvor unablässig eingepflanzte Propaganda bildlich gesprochen aus dem Gehirn schaufeln und mich von den Ängsten befreien. Ich hatte trotz massiver finanzieller Unterversorgung eine unglaublich tolle und mich bereichernde Studienzeit, habe an der Universität Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Auch die tausend Jobs, die Arbeit am Fließband, um mich zu finanzieren, will ich im Nachhinein nicht missen, da sie mir neben dem Studium intensive Lebenserfahrung gebracht haben, die nach einigen Jahren ein wichtiges Gegengewicht zu meinem Leben in der Religionsgemeinschaft darstellten. Mir wurde immer bewusster, wie schräg meine Kindheit und Jugend waren. Irgendwann gab es dann erste Bücher, die sich kritisch mit engen Religionsgemeinschaften mit irgendwelchen Errettungs- und Erlösungsphantasien befassten. Obwohl die darin behandelten Gruppen von ihren Ideen völlig anders als meine Herkunftsgemeinschaft waren, erkannte ich bis in kleinste Details Übereinstimmungen. Meine Herkunftsgruppe war endgültig entzaubert, kurz danach bekam ich Kontakt zu anderen Aussteigern und Aussteigerinnen, konnte meine eigenen Erfahrungen auf diesem Weg bestätigen und davon profitieren. Ich fühlte mich nicht mehr als der einsamste Mensch der Welt, der sich bisher insgeheim doch selbst für alles verantwortlich gemacht hatte.
Abschließend will ich sagen, dass sich inzwischen das eine oder andere in meiner Herkunftsgruppe verändert hat, es hat sich gezeigt, dass sich die Jugendlichen dort nicht mehr so massiv zeitlich vereinnahmen lassen, wie zu meiner Jugendzeit und inzwischen hat auch die Presse immer mal wieder kritisch über die tatsächlichen Zustände in der Gruppe berichtet und damit viel aufgeschreckt und Veränderungen bewirkt. Das Prinzip ist aber gleich geblieben. Und das gilt auch für das, was ich hier schreibe, und für das, was mein ehemaliger Konfirmandenlehrer und Vorsteher mir mitgab, als ich die Gruppe verlassen habe. Er sagte mir, dass er mich als verloren aufgibt, mir aber verzeiht und er viel für mich beten wird. Aber ich soll mir über eines klar sein: sollte es mir irgendwann einfallen, zu irgendjemandem negativ über die Gruppe und die in ihr wieder errichtete Urkirche zu reden, dann sei das eine Sünde, die Gott in aller Ewigkeit niemals vergeben werde. Ich konnte mich Gott sei Dank aus der Angst befreien und schon als Jugendlicher den Wartesaal zum Jenseits verlassen.